Autonomes Konzeptpapier aus den 80ern

1. Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir stärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über „eigene Teilnahme“, Politik der 1.Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat oder fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen, wohl wissend, daß wir nur frei sein können, wenn alle anderen auch frei sind! Aber auch wir haben eine Ideologie: Es geht uns dabei um Eigenverantwortung und Selbstbestimmung als gesellschaftspolitisches Ziel und Mittel zu deren Durchsetzung. Es geht uns aber auch um Moral, Gerechtigkeit und Würde. Und in diesem Zusammenhang führen wir auch manchmal Stellvertreterkriege, wenn wir betroffen sind von dem Leid und Unterdrückung gegen andere.

2. Wir wollen das System nicht reformieren oder verbessern. Wir führen keinen Dialog mit den Herrschenden, denn das ist der erste Schritt zur Integration. Wir lehnen die Propagierung reformistischer Ziele ab. Uns kommt es zu allererst darauf an, das Selbstbewußtsein der Menschen in Alltag und Politik zu stärken, ihre Sachen selbst in die Hand zu nehmen und nicht an andere zu delegieren. Deswegen lehnen wir für uns den parlamentarischen Weg ab.

3. Wir wissen sehr wohl, daß es eine Dialektik zwischen Reform und Revolution gibt: Wenn die Betroffenen für die Verbesserung ihrer Misere kämpfen, also die erlaubten Bahnen des Protestes überschreiten und dabei auch Teilziele gegen die Widerstand der Herrschenden durchsetzen, kann dies auch Ansporn sein, für neue systemübergreifende Ziele zu kämpfen. Das Gefühl, gemeinsam stark zu sein, Erfolge zu erreichen, radikal für die selbstformulienen Ziele zu kämpfen (wobei wir unter „radikaI“ nicht nur „militant“ verstehen), ist dabei das Entscheidende: Der Weg, die Art und Weise unserer Kämpfe ist das Ziel. Die ständige latente Drohung mit Knast und deren Anwendung ist eine entscheidende Existenzbedingung dieses Systems. Unser Kampf muß sich – trotz des augenblicklichen Unrealismus – insgesamt gegen dieses gesellschaftliche Bestrafungssystem wenden. In unseren utopischen Vorstellungen wollen wir auch nicht die Verantwortung gegenüber Vergewaltigern, Faschos und Frauenmördern dem Staat überlassen. Momentan würden wir aber trotzdem nicht „Freiheit für alle“ fordern. Das Dilemma läßt sich zur Zeit nicht auflösen.

4. Wir hier in der Metropole sind – unabhängig von der Klassenstellung – Nutznießer der internationalen Ausbeutung. Auch die Ärmeren profitieren hier von den Hungerlöhnen in den Trikont-Ländern. Der Zwang zur Arbeit ist in dieser Gesellschaft trotz der verschärften Angriffe des Kapitals immer noch sehr viel geringer als in Osteuropa oder den Trikont-Ländern. Trotz Massenarbeitslosigkeit fordern wir nicht das Recht auf Arbeit. Denn dies wäre in diesem System nur das Recht auf Ausbeutung. Wir kämpfen stattdessen für die Aufhebung der entfremdeten Arbeitsverhältnisse. Wir wissen, dies werden wir nicht erreichen, ohne die Herrschaft des Geldes und der abstrakten Ware abzuschaffen. Deswegen gehört dazu, die Trennung von Arbeits- und Lebenszusammenhängen aufzuheben, also eine neue grundlegend geänderte Struktur des sozialen Zusammenlebens und der Kommunikation zu schaffen.

5. Wir haben alle einen „diffusen Anarchismus“ im Kopf, sind aber keine traditionellen AnarchistInnen. Die Begriffe Marxismus, Sozialismus und Kommunismus beinhalten für uns nach allen ihren Theorien und Praktiken den Staat und können somit von uns, auch als „Zwischenstufe“, nicht akzeptiert werden. Wir glauben auch nicht, daß es eine „Eigentlichkeit“ der obigen Begriffe gibt, die immer nur, z.B. durch den Realsozialismus verfälscht worden ist. Auch mit dem Begriff des Anti-Imperialismus, so wie er vertreten wird, können wir uns nicht identifizieren, da er bei der Forderung nach nationaler Unabhängigkeit stehenbleibt und somit den Staat in keinster Weise in Frage stellt.

6. Es gilt, dem System überall punktuell Gegenmacht entgegenzusetzen Diese Gegenmacht darf sich allerdings nie totalisieren oder vereinheitlichen, darf nie als die Gegenmacht institutionalisiert werden, sonst wäre die Tendenz für einen neuen Staat im Keim bereits wieder angelegt. Macht formiert sich aber nicht nur durch und über den Staat, sondern tragende Säulen der Macht sind u.a. die patriarchale Kleinfamilie, Kirche und Religion.

Eine besondere Form von Macht und Unterdrückung bildet sich durch das Konkurrenzprinzip und das Leistungsdenken heraus. Diese werden uns in Erziehung, Schule und Arbeit als naturgegebene Normen vermittelt.Die Bekämpfung des vermeintlichen Rechts des Stärkeren, Erfolgreicheren bedeutet, die Machtbeziehungen in allen Formen zwischenmenschlicher Kommunikation zu thematisieren und bei sich selbst anzufangen, diese abzubauen. Die Bildung einer sozialen Gegenmacht darf uns nicht dazu verleiten, neue Machtstrukturen an die Stelle der alten zu setzen. Das Ziel – keine Macht für niemand – muß auch in unseren Formen des Kampfes und der Organisation von Gegen macht erkennbar sein.

7. Die Alternativen versuchen, innerhalb des bestehenden Systems Freiräume zu erobern, um darin eine andere Kultur und eine andere Ökonomie aufzubauen. Sie stoßen dabei jedoch immer wieder auf vom Kapital vorgegebene gesamtgesellschaftliche Grenzen. Auch unser Kampf geht im Moment meist nur um Eroberung und Verteidigung von Freiräumen, wie z.B. bei der Besetzung von Häusern und Jugendzentren. Dies kann und darf aber nie unser alleiniges Ziel sein. Aber je mehr Freiräume wir gewinnen können, desto besser ist unsere Ausgangsbasis, um den Staat und das System zu stürzen. Freiräume bedeuten ein punktuelles Außerkraftsetzen des Staates. Aber gleichzeitig kann der Staat durch das ghettoisierte Zulassen von Freiräumen sozialen Widerstand kanalisieren.

Diese unterschiedliche Bewertung der Bedeutung von Freiräumen bei den Grün-Alternativen und bei den Autonomen halten wir für zu Schwarz-Weiß und zu wenig prozeßhaft gedacht. Gesellschaftlicher Wandel vollzog sich sehr wohl auch durch das „Therapie und Diagnosefeld der Alternativszene“, z.B. im Bereich der Gesundheitspolitik/Medizin. Es ist nicht gleich alles schlecht, was gesellschaftlich integriert wird, was zu Refomen beiträgt. Die Alternativszene ist heute jedoch Teil des Systems und keine Triebfeder mehr für emanzipatorischen Wandel.

Wir wollen auch heute noch Freiräume erkämpfen, um experimentieren zu können, um die Dialektik zwischen Eigenveränderung und gesamtgesellschaftlicher Veränderung produktiver leben zu können als jetzt, wo uns der individualisierte Alltag erschlägt. Aber die Freiräume sollten nicht nur für die Jugendbewegung, die funktionstüchtigen Kämpfer da sein, sondern gerade auch für Alte, Kranke, Behinderte, Obdachlose, Süchtige etc.

8. Wir müssen neben der Aufhebung des Staates mit unseren eigenen verinnerlichten Strukturen aufräumen: Patriarchale, rassistische und leistungsorientierte Strukturen stecken ganz tief in uns. Sie haben wenig mit der Existenz des Staates zu tun. Diese Aufhebung der eigenen deformierten Strukturen läuft aber nicht allein durch Selbstveränderung. Hier überschätzen wir unsere subjektiven Möglichkeiten. Eine weiterführende Antwort war und ist Kollektivität. Doch auch dabei muß noch viel an gesellschaftlichem verinnerlichtem Dreck wie Machtstrukturen, Konkurrenzdenken etc. verändert werden. Das spielerische Moment der Selbstveränderung – das des Erlebens der Freiheit beim Fluch des Pflastersteins – ist allein zu kurz gegriffen. Das Leben steht leider nicht nur aus einer Aneinanderreihung solcher Momente der Freiheit, sondern der politische Alltag hat viel mit den Mühen der Ebene zu tun. Selbstveränderung kann aber auch dann lustvoll sein, wenn du z.B. in der Kommunikation mit anderen das Neue spürst, dich traust, neue Wege zu gehen, die dir neuen Mut geben.

9. Wir lehnen eine parteiförmige Organisationsstruktur aus vielerlei Gründen ab. In allen linksradikalen Parteien gab es das Funktionärsunwesen, das Delegieren von Interessen von unten nach oben, die mangelhafte Förderung des Selbstbewußtseins und der Selbstbestimmung der Massen etc. Jede kommunistische oder anarchistische Partei kennt das Problem der Macht bis zum Überdruß. In unseren Strukturen hingegen gibt es keine gewählten Delegierte oder Funktionäre. Und dennoch kennen auch wir das Problem der Macht. Sie bildet sich bei uns nur informell, quasi unter der Hand heraus.

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